MEER

Betrachtungen zu Erich Fried´s Gedicht MEER

Meer

Meer

Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren.
und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes
einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen
Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nicht mehr wollen wollen
nur Meer

Nur Meer

Meer

Analogien zur Musik und zum Konzert „Vom Wasser“
Autorin: Birgit Meißner, Sopran, gehörte bis 2014 dem Vorstand an.

MEER ATEM PAUSE BEWEGUNG RUHE RHYTHMUS FLÄCHE

„Wenn man ans Meer kommt soll man zu schweigen beginnen“ …

Nur durch die Ruhe, die Pause, kann ich immer wieder ins bewusste
Wahrnehmen kommen, kann ein Zwischenraum entstehen, darin der
Atem der Welt spürbar wird, wo die eigene Seele sich ausbreiten und
spürbar werden kann;

… „bei den letzten Grashalmen soll man den Faden verlieren“ …

Hier tauche ich ein, in den Rhythmus der Natur, nehme atmend meine
Umgebung wahr, atme gleichsam im Einklang mit diesem natürlichen
Rhythmus, werde eins mit dem Rhythmus, dem Atem des Meeres;
werde eins mit dem großen Atem der Erde.
Im gleichzeitigen Eintauchen in das Wesen des Meeres, in seine
Bewegung, in seinen Atem, kann sich mein eigenes Wesen entfalten,
kann meine Seele frei atmen und gleichzeitig werden auch meine
Sinne in ihrer Wahrnehmung geschärft und geschult. So komme ich ins
reine Wahrnehmen. Dem Wahrnehmen der Bewegung des Wassers,
des Rhythmus der Wellen, der Farben und Formen ...

… „den Faden verlieren“ ...

Den Faden zu den Alltagsdingen, zu den täglichen Aufgaben und
Verpflichtungen.
Dadurch kann ich mich wieder Neuem öffnen, denn meine Sinne sind
hellwach, sind aber eins mit der Bewegung, dem Atem des Wassers;
ein wacher und doch träumerischer Zustand.

… „und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes
einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen“ …

Ruhe und Bewegung ergeben den Rhythmus des Meeres, der Wellen;
wie beim Atem: der Ein- und der Aus-Atem und dazwischen die
Atempause.
Analog dazu in der Musik: Bewegung und die Polarität dazu die Ruhe
bzw. die Pause.
Die Pause als wichtig(st)es gestaltendes Element (für den Rhythmus).
Das Gedicht atmet und lässt uns den unendlich, immer
wiederkehrenden Rhythmus der Bewegung des Meeres spüren.

… „aufhören zu sollen, nicht mehr wollen, wollen“ …

Ein Zustand des einfach Da-Seins, die Gegenwärtigkeit des Seins, das
ist Meditation, ist reines Wahrnehmen ohne das „Geplapper“ des
Verstandes.
Der hat natürlich auch seine Berechtigung, er macht es uns möglich,
über den Vergleich, die „Dinge“ der Welt einzuordnen.
Aber der Mensch lebt ja bekanntlich nicht vom Brot allein, d.h. unser
„Alltags“ bzw. Verstandesbewusstsein hat zur Polarität, das andere
träumerische, ganzheitlich wahrnehmende Bewusstsein.
Dies schenkt uns ein waches Auge, ein offenes Ohr, eine wache
Aufmerksamkeit im Umgang mit mir, meiner Um-Welt und meinen Mit-
Menschen.

… „aufhören zu sollen und nicht mehr wollen wollen“ …

- Einfach da sein-

… „nur Meer“ … „NUR MEER“

- das Sein erfahren - mein Da-Sein - das Eins-Sein;
- All-Ein(S)-Sein - eingehen in den Atemstrom der Welt -
Das Meer bzw. die Meere bilden riesige Wasser-Oberflächen auf
unserer Erde.

Wasser hat die Eigenschaft, sich zu durchdringen, die
Wellen bewegen sich durcheinander durch, ohne sich zu zerstören und
unterhalb der Wasseroberfläche bildet es, für das Auge nicht sichtbar,
Flächen. Ebenso verhält es sich mit der Musik, die ja durch das
Element Luft getragen wird.

Die Luft verhält sich wie das Wasser und
so können auch in der Musik wunderbare Flächen entstehen, die sich
durchdringen, miteinander verströmen oder übereinander schweben.

Das Wasser in dieser Eigenschaft musikalisch darzustellen wird eine
der spannenden Herausforderungen für unser Konzert „Vom Wasser“
sein.

Autor des Beitrags

Insgesamt existieren
14

Veröffentlicht am

16. Oktober 2015 - 17:00